BIOGRAFISCHES I "MEIN" DAUMIER I DAUMIERS ENKEL I EINGANGSSEITE
"Mein" Daumier
Prof. Dr. Günter Hirsch „Als ich kurz nach der Wiedervereinigung als designierter Präsident des Bezirksgerichts ( später Oberlandesgerichts ) Dresden erste Impressionen der Altstadt suchte, zog es mich unwiderstehlich in einen Laden, der Antiquitäten, Antiquarisches und Trödel feilbot. Unter einem Stoß alter marxistischer Literatur stieß ich auf eine Mappe mit 12 Drucken nach Steinzeichnungen von Daumier „Die Physiognomie der Bürger“ mit einem Vorwort von Wolfgang Balzer von 1947. Die Drucke, die aus seinem Zyklus „le gents de la justice“ stammten, waren der erste Bilderschmuck in meinem Dienstzimmer in Dresden. Gerade in der Phase des Aufbaus einer rechtsstaatlichen Justiz in einem Land, in dem die Gerichte nicht im Dienst der Menschen, sondern einer totalitären Staatsdoktrin standen, schienen mir die Bilder von Daumier von besonderer Aussagekraft. Er war ein Meister subtiler Analyse gesellschaftlicher und institutioneller Missstände und legte mit wenigen Federstrichen offen, wie sich hinter der Fassade juristischer Professionalität und Bedeutsamkeit Missachtung, Geringschätzung und Unsensibilität verbergen kann.“ |
Philipp Heinisch Honoré Daumier begegnet mir das erste Mal mit 7 Jahren im häuslichen Bücherregal. Ein Buch fasziniert mich dort ganz besonders, - „die Karikatur“ von Eduard Fuchs. Dort, in einem Erwachsenenbuch gibt es komische Köpfe, Blätter zu Auffalten und ein Bild, bei dem man sogar eine (Papier) Türe zu einem Gefängnis öffnen kann. Das interessierte mich mindestens genauso wie Grimms Märchen und ständig nehme ich es zur Hand. Es hat etwas von einem Comic - Band, völlig übertriebene Figuren, die sich unglaublich verrenken und albern und schräg wirken, deren Sinn mir zwar nicht erkennbar ist, über die ich aber trotzdem lachen muss. Köpfe von Daumier wie die des Advokaten Dupin sind faszinierend, indem da ein Erwachsener den anderen Erwachsenen als Affen darstellt. Das freut das kindliche Gemüt. |
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| Und Daumier ist mir dann und auch in der späteren Jugend sehr nahe. Neben seinen wunderbar gezeichneten übertriebenen Portraits stehen soziale Momentaufnahmen, die mich auch als 10 und 12jährigen beeindrucken, - Deklassierte, die neben dem Verlust von Freiheit oder Materie auch noch den Hohn und Spott von Richtern oder Advokaten ernten. Das sind dann keine Karikaturen mehr sondern gezeichnete Geschosse in das Gesicht der Ungerechtigkeit, die sich davon allerdings nicht besonders beeindruckt zeigt, - damals nicht und heute auch nicht, - vielleicht EIN Motiv, Jura zu studieren statt den näher liegenden Kunstberuf zu ergreifen.
In der Hausbibliothek findet sich nicht nur „die Karikatur“ von Fuchs, sondern auch die vielbändige Ausgabe des Paul List Verlages von 1926 mit einer reichhaltigen Sammlung von Daumier - Karikaturen. Diese bildet eine unmittelbare geradezu selbstverständliche Grundlage meines Kunstwissens. Und erst später, als ich mich inhaltlich mit der Kunst und Biografie Daumiers auseinandersetze, wird mir bewusst, welchen menschlichen und ästhetischen Schatz ich da quasi in die Wiege gelegt bekommen habe, den ich so gut ich kann hege und pflege. |
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